(1) Bremens Neue Eigentlichkeit
von XR

Bremen ist im Prinzip keine Stadt von Eigentlichkeiten. Entweder-oder. Meistens jedoch oder. Dennoch gibt es sie auch hier, die Neue Eigentlichkeit. Anders als beispielsweise in Berlin, der Hauptstadt der Eigentlichkeiten, muss man diese in Bremen natürlich ein wenig suchen aber meistens wird man von ihr sowieso gefunden. Ob man will oder nicht.
Diese neue Bremer Eigentlichkeit trifft sich gern und vorrangig in der Spedition. Besonders gern zu einer Veranstaltung namens (La) "Boum Box". Es handelt sich meist um Mitt-zwanziger, einer Generation die die deutsch-deutsche Wende sowieso nur noch schemenhaft im Gedächtnis hat, aber wenigstens etwas. Man trifft sich, redet gemütlich und nimmt das ein oder andere Getränk zu sich. Punkt.
Eigentlich ganz nett.
Diesen Satz höre ich dort oft. Und eigentlich ist es ja ganz schön weil sich da so viele Leute treffen. Und?
Ist die Anzahl der Menschen die sich irgendwo an irgendeinem Ort versammeln ein Kriterium für Qualität?
In der "Boum Box" läuft es meistens, um nicht zu sagen immer, so ab:
Man bezahlt seinen Eintritt, trinkt etwas, trinkt noch etwas, trinkt noch etwas mehr und dann ist man glücklich.
Und e
igentlich läuft da ja auch noch Musik, aber irgendwie - egal.
Musik die läuft aber auch nicht laufen müsste, so hat es zumindest den Anschein.
Da ist es eben auch beiläufig was aus den Boxen dröhnt, solange es dröhnt. Je lauter desto besser. Hauptsache man hört es auf der anderen Straßenseite noch klar und deutlich. Ein Schwall aus Bass und jeder Menge Dezibel pfeifen durch die Ohren der Anwesenden. Sekundär. Hörgeräte müssen ja schließlich auch von irgendwem gekauft werden - irgendwann. Das abstruse dabei ist jedoch, dass es sich in keinsterweise lohnt in selbige zu investieren. Das Soundbreigemisch was präsentiert wird lässt sich in keine gängigen Stilrichtungen einordnen. Da neigt der autonome Mensch zu sagen: "Das find ich gut. Ich lass mich nicht in Schubladen drängen!", aber der wahre Grund ist wohlmöglich ein ganz anderer.
Bremen ist eine verlorene Stadt wenn es um Stilsicherheit in Sachen elektronischer Musik geht. Da ist eben alles Electro oder Elektro weil das ja (angeblich) die Abkürzung von elektronischer Musik ist. Eigentlich logisch, oder?
Nein.
Und was hat das nun mit der Boum Box zu tun?
Die "Lost Generation", aufgewachsen mit Indie-Rock-Alternative lechzt noch neuen Einflüssen. Das verdient wahrlich Anerkennung. Nur leider sind Drang und Aufwand, selbige zu erfahren oder in Erfahrung zu bringen, fast immer auf ein Minimum beschränkt. Da bietet es sich durchaus an eine Party mit eben jenem Sound, welchen es nicht gibt, zu veranstalten: Electro-Indie (Anm.: mögliche Bezeichnung dieser Stilrichtung).
Gespielt wird fast alles was die Box aushält und was nicht allzu kommerziell ist. Hauptsache es läuft irgendetwas. Laut.
Getanzt wird dazu manchmal auch, ausgiebig, nur warum wissen wohl nur die wenigsten. Von Qualität kann selten die Rede sein. Moderne Stücke, die so stumpf sind wie die Klinge eines alten, billigen Messers brüllen einen entgegen. Richtig: brüllen. Verstand bitte am Einlass abgeben. So eine Zeit gab es schon einmal. In den frühen Neunzigern nannte man so etwas Techno oder Rave, nur mit dem Unterschied das es hierzu eine Szene gab, die danach lebte - wenn auch nicht sonderlich gesund.
Doch d
arauf stehen die "Boum-Boxer" nicht. Da darf es eher schick und schön sein, aber bitte nicht zu schön.
Absurd dabei ist, das neben etlichen French-House-Super-Mash-Up-Hands-Down-Yippie-Gedöns und Post-Indikram (Anm.: ohne Abwertung von Indipendent) auch jede Menge Techno läuft. Dieser Techno heißt bei den meisten Leuten allerdings heutzutage Electro weil wahrscheinlich irgendwie elektronisch (siehe oben). Diese Wortverwurstung lässt sich einfach herleiten: Das fehlende Zugeständnis sich selbst gegenüber, dass die Musik die man gern hört eben auch "Technologie Music" ist. Kurz: Techno. Das Kernproblem ist nicht die Musik, sondern der Begriff und die damit verbundenen Assoziationen. Der Grat zwischen dieser Krümelkackerei, der Naivität und Ignoranz ist sicherlich sehr schmal. Deswegen bleiben wir wohl vorerst bei Electro, Boum Box und moderner Tanzkultur ohne Rücksicht auf qualitative Verluste. Hoffentlich nicht allzu lang.


(c) We.Like.Beats
04.05.2009